Margot Michaelis

Wolfgang Spittlers Lebenswerk

Auszug aus "Wolfgang Spittler - Werke 1945 bis 2010", Katalog (2011)

Anfänge

Ein junger Mann sitzt da und zeichnet. Er zeichnet mit großer Sorgfalt, beobachtet genau. Er sieht, dass sein Modell, so jung es ist, schon eine schwere Geschichte mit sich trägt. Er gibt ihm einen Blick, in dem sowohl Angst, Trauer als auch Zukunftshoffnung aufscheinen. Er arbeitet präzise, schraffiert die Schatten, setzt fein und sicher die Konturen. Eine Form ist da, die stimmt und zugleich einen lebendigen Ausdruck hat. Der junge Mann ist Wolfgang Spittler, Jahrgang 1926, vier Wochen musste er noch am Krieg teilnehmen, bevor er in amerikanische Gefangenschaft geriet. Sein Modell ist ein anderer Kriegsgefangener.

Schon in der Schulzeit hatte Wolfgang Spittler mit Intensität gezeichnet: seine Familie, die Geschwister und Schulkameraden, Menschen um ihn herum. Zeichnen  lernt er als eine Form nutzen, die Welt in Besitz zu nehmen, sie zu verstehen, sich in sie einzufühlen. Es sind vor allem Menschen, die den jungen Zeichner interessieren. Erst später kommen Landschaften und komplexe Motive hinzu. In jedem Fall ist es die angeschaute und erlebte Wirklichkeit, mit der er sich auseinandersetzt.

Doch auch die Kunst wird schon früh zur Quelle seiner Inspiration. Er bekommt erste Kunstbücher geschenkt und zeichnet nach Bildern von Holbein und Michelangelo. Das ist ein Teil seiner praktischen und zugleich geistigen Schulung. Während der Gefangenschaft trug er Leonardos „Dame mit dem Nerz“ bei sich und dekorierte damit eine Erdhöhle, die ihm damals zum Aufenthalt diente. Die Kunst gab ihm in der schwierigen Lage Kraft und Zuversicht.

Großer Ernst spricht aus den frühen Arbeiten von Wolfgang Spittler, scharfe Beobachtungsgabe und feines Empfinden. Er hätte vielleicht auch Musiker werden können, wie der Vater, der Organist in Bad Harzburg war, nachdem die Familie Schlesien verlassen hatte. Ein Instrument zu spielen gehörte in der Familie Spittler dazu. Wolfgang erlernte das Geigenspiel, das er bis heute in Verbindung mit professionellen Musikern mit Lust betreibt.

Doch entschied er sich für die Kunst als Berufsziel. Er studierte freie Kunst und Kunsterziehung. Mit den Arbeiten aus der Gefangenschaft bewarb er sich 1946 zunächst an der Meisterschule für gestaltendes Handwerk in Braunschweig, wo er Malerei bei Prof. Müller-Lienow studierte und sich zugleich mit Plastik und Puppenspiel befasste, bis er 1951 nach Hamburg an die Kunstakademie zu den Professoren Hartmann und Willem Grimm in den Fachbereich Kunsterziehung wechselte. Das Studium in Braunschweig eröffnete ihm den ersten Zugang zur klassischen Moderne. Beckmann,  Picasso und Chagall beeindruckten den Studenten ebenso wie van Gogh. In Hamburg begegnete er dann vor allem in der Druckgrafik dem Expressionismus. Eine wichtige Horizonterweiterung boten die Vorlesungen des Kunsthistorikers Werner Haftmann, dem damals profiliertesten Kenner der Kunst des 20.Jahrhunderts.

Diese Einflüsse blieben nicht ohne Folgen auf den jungen Künstler. Während die Zeichnungen der Vierzigerjahre noch ganz auf naturgetreue Abbildung orientiert sind (Friederike, 1948), kann man bereits in den frühen fünfziger Jahren eine Tendenz zur Abstraktion und zu einer grafisch verknappten Linienführung in der Zeichnung erkennen (Friederike, 1950). Die Formen, aus denen das Mädchenbildnis „Friederike“ von 1953 gefügt ist, tendieren bereits zur Vereinfachung. Die Konturlinie ist  gestrafft, die Schraffuren sind freier gesetzt. Es bleibt ein Porträt, doch gewinnt es an Allgemeingültigkeit und zeigt einen persönlicher werdenden Stil, der zugleich den Einfluss der damals modernen Kunstrichtungen aufnimmt.

Angeregt durch die Auseinandersetzung mit der klassischen Moderne ringt der Künstler in seinen Arbeiten nun um einen Ausdruck, der über das rein Abbildliche hinausgeht. Der eine Weg, den er beschreitet, ist die Abstraktion, der andere das Expressive. Beides verknüpft er miteinander, wobei er in seinem Werk niemals den Bezug zur geschauten Wirklichkeit verlieren wird.  Es geht ihm offenbar darum, das Sichtbare mit den eigenen künstlerischen Mitteln zu interpretieren.

Werner Haftmann hat in seinen „Argumenten der modernen Malerei“ 1965 (Malerei im 20. Jahrhundert, eine Bildenzyklopädie, S.34) das neue Wirklichkeitsverhältnis der Moderne, das auch den Hintergrund für den Weg des Studenten Wolfgang Spittler lieferte, beschrieben: „Dem neuen Wirklichkeitsverhältnis liegt die umstürzende Erfahrung zugrunde, dass die sichtbare Wirklichkeit nur eine Erscheinungsweise der vielen Erscheinungsweisen des Wirklichen darstellt, die sozusagen nur dessen Oberfläche betrifft, dass sich die sichtbare Außenwelt überhaupt erst im Bezug zum Menschen und seiner Innenwelt definiert und dass demzufolge die Bilder seiner Innenwelt eine gleich konkrete Realität, die gleiche Wahrheit und Wirklichkeit haben wie die Außenwelt, die sich auf unserer Netzhaut spiegelt… Form, Farbe, Linie, Raum, Licht -, die bisher in ihrer reproduktiven Funktion verwendet worden waren, mussten jetzt unter dem neuen Auftrag völlig verändert und umgedeutet werden im Sinne ihrer Ausdrucksfunktion.“ 

Die Suche nach der geeigneten Form spielt dabei eine zentrale Rolle. Das Repertoire der klassischen Moderne lag vor. Es konnte verworfen oder der individuellen Sprache anverwandelt werden. 

Bald zeigt sich im Werk Wolfgang Spittlers eine Tendenz, die Form als Ganzes zu erfassen und damit einer Figur die innere Bewegung abzulauschen, um ihr im Bild eine dominante Grundstimmung zu geben. Die beiden frühen Zeichnungen (weiblicher Akt von 1953 und Inge von 1954) stehen kraftvoll im Blatt. Die enge Einbindung in das Blattgeviert gibt ihnen eine je besondere Spannung. Die Drehung oder Wendung des Körpers  verwandelt den Blattgrund in den Aktionsraum, in dem die weiblichen Modelle selbstbewusst und selbstbezogen agieren. Konstruktives und Plastisch-Körperliches werden im Akt wunderbar abgewogen, die grafischen Mittel sind mit großer Sicherheit gesetzt. Da sehen wir diesen bewegten und lebendigen Strich, bald fest und dicht, dann offen und von weiteren Linien umgeben, der ohne ornamentale Umschreibungen Form und Volumen schafft. Er wird auch weiterhin typisch für den Künstler bleiben. Ebenso die großflächig gezogenen und dennoch präzise Plastizität formenden Schatten. In der Kohlezeichnung „Inge“ ist es das lose und schwungvoll den Körper umspielende Kleid, das mit nur wenigen gestisch wirkenden Strichen angedeutet ein luftiges Volumen schafft.