Margot Michaelis: Wolfgang Spittlers Lebenswerk (Seite 2)


Figuren und Porträts

Im Selbstporträt von 1980 finden wir einiges von dieser gewonnenen Auffassung wieder. Doch verdichtet sich hier die Linie zur Schraffur und gibt dem ernst und nachdenklich ins Ungewisse schauenden Künstler etwas Verschattetes, wie man es auch in Zeichnungen von Corinth entdeckt.

In den 80erjahren finden sich viele Arbeiten, die vom Alltag mit der Familie  berichten. Es sind Porträts und auch größere Arbeiten, in denen komplexe Themen bearbeitet werden. Da entstehen die herrlichen Holzschnitte mit den Familienmitgliedern auf dem Fahrrad und die Strandtriptychen, in denen auch etwas Krisenhaftes aufscheint.

Zu den Familien- und Freundesporträts gehört auch „Tante Ria“ (1986). Hier überwiegt die grafisch-konstruktive Auffassung, eine stellenweise beinahe kubische Auflösung. Dadurch gelingt es, das steife Sitzen der alten Dame und zugleich eine innere Unrast darzustellen, etwa durch die sich fast verselbstständigenden Linien um Hals und Kopf und andere grafische Spuren im Spannungsfeld von Form und Ausdruck. Sie geben dem Porträt tieferen Sinn und dem Betrachter einen Interpretationsraum. Die im gleichen Jahr entstandene farbige Fassung betont dagegen die Ordnung der Flächen. Die Figur bekommt ein räumliches Ambiente, das in seinem starken Anschnitt vielleicht die geringer gewordene Bewegungsfreiheit einer einst agilen Dame zeigen soll. Zugleich erscheint sie statuarischer als in der Zeichnung.

Die pastose Malweise mit nur wenig modulierten und durch schwarze Konturen abgegrenzten Farbflächen, das Farbspektrum zwischen den komplementären Blaugrün- und Rosatönen ergänzt durch eine Palette farbiger Grautöne geben dem Bild einen expressiven Ausdruck, wie wir ihn auch in späteren Malereien des Künstlers finden.

Die Frauenbildnisse fast 20 Jahre später aus dem Jahr 2008 sind von Luftigkeit und Heiterkeit getragen. Die Farbpalette ist lichter und noch stärker reduziert, doch der auf Rosa und Türkis basierende Grundton ist immer noch vorhanden.

Die jungen Frauen strahlen eine heitere Erotik und entspannte Unbefangenheit aus in der Art wie sie miteinander und mit dem gemeinsamen Gesang verwoben sind. Die lockere Malweise unterstreicht diese Atmosphäre, ohne dass sich etwas Voyeuristisches einschleicht. Der Maler zeigt eher seine respektvolle Bewunderung, er lässt den Frauen ihr eigenes Da-sein, dem er ein kleines malerisches Denkmal setzt.

In die Malerei ist nun die große Erfahrung des Zeichners und Malers eingeflossen, die Sicherheit in der Figur und die Fähigkeit, die Abstraktion und expressive Verformung zu einem Punkt zu bringen, der Porträthaftes und Allgemeines raffiniert in der Schwebe lässt.

Wir sehen Zeichnungen, die offenbar unmittelbar vor dem Modell entstanden sind und solche, die in weiterer Bearbeitung verdichtet, im Ausdruck verstärkt und gewissermaßen zusammengefasst und verallgemeinert wurden.  Dieser Weg vom porträthaften Skizzieren zur zeichnerischen Überarbeitung führt dann zur Malerei, indem die Zeichnungen in die malerische Sprache des Künstlers übersetzt werden.

Da sitzen sie nun, meist sind es junge Frauen, die in natürlichen Posen oder in bewusster Inszenierung gezeigt werden. Locker haben sie auf einem Stuhl Platz genommen, barfuss, ein Bein angezogen, unbefangen hocken sie beieinander oder stecken die Köpfe zusammen. Was bewegt sie im Inneren? Ist es etwas Alltägliches oder gar das Rätsel des Lebens, das sie staunend betrachten, miteinander besprechen und zugleich vital annehmen?

Die Figuren bleiben durch die strenge Bildsprache des Künstlers, die charakteristische Überformung in großzügigen Lineaturen ambivalent zwischen Porträt und verallgemeinertem Typus. Doch immer füllen diese Frauenfiguren den Bildraum aus, nutzen das Bildfeld bis zum Rand und schaffen sich dadurch Raum, als wirkten dort innere Kräfte nach außen. Dabei sind die Motive in ihren feinen Gesten gesammelter Ruhe und Konzentration eher solche des Beisichseins, was auch durch die harmonische Bildkomposition unterstrichen wird.

Eine lebendige Linie erfasst die Form, oft indem sie sich aufgespannt, nach außen dehnt. Sie lässt Leerstellen, beschreibt nur, wo es notwendig ist. Sie wird gelegentlich arabesk, verdoppelt sich, Offenheit und Bewegung entstehen. Das gibt den Bildern ihre Leichtigkeit, Lebendigkeit und die Unmittelbarkeit eines festgehaltenen, zugleich intensiven Augenblicks. Wie eine zweite Stimme kommt die Farbe, die Malerei hinzu. Nur scheinbar nimmt sie die natürlichen Farben auf, suggeriert Hautfarbe, das Rot eines Kleidungsstücks, die Farbe des Haars. Doch während wir dies zu sehen glauben, herrscht  tatsächlich ein koloristischer Farbenreichtum, aus dem diese Vorstellung gespeist wird. Nicht tonwertige Modellierung, sondern coloristische Modulation in bestimmten, bald vornehm kühl, bald warm dominierten Tonlagen beherrscht das Farbkonzept. Teils in der Form aufgehend, dann sich verselbständigend behält die Farbe dabei ihre eigene Stimme, harmoniert hier mit der Form, der Linie und steht dort in Spannung mit ihr. In lockerem Duktus, sehr transparent sind Farbe und Stofflichkeit angedeutet. Im Hintergrund erscheint meist ein impressiv wirkender offener Raum. Zuweilen wird  eine perspektivische Raumstruktur angedeutet, die den Figuren Halt gibt.

Es ist ein empfindsamer Expressionismus, in dem die so frischen und zugleich zarten Arbeiten von Wolfgang Spittler daherkommen.  Es liegt Konzentration darin und leise Töne klingen in ihnen an.


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