Margot Michaelis: Wolfgang Spittlers Lebenswerk (Seite 3)


Musik

Wolfgang Spittler hat nicht nur ein malerisches Werk vorzuweisen hat, sondern mit ebensolchem Engagement musiziert er selbst. In der „Camerata Beata“ spielt er die Viola und er kann kenntnisreich von seinen Erfahrungen beim Musizieren berichten oder sie gleich malerisch umsetzen. Denn er sucht in seinen Bildern auch eine Brücke zwischen Musik und Malerei - ganz offensichtlich in den Porträts des Geigers oder in der Darstellung einer Geigerin, die ganz in ihr Spiel vertieft ist.  Die ukrainische Geigerin scheint, ganz auf die Musik konzentriert, selbst in eine anmutige musikalische Schwingung geraten zu sein. Gleichsam energetische Wellen umgeben sie. Noch viel unmittelbarer kann Musikalität in den Bildern selbst entdeckt werden, in ihrer Sprache, in ihrem Rhythmus, in der Komposition mit Farbe, Form und Linie, wobei gleichsam eine Übertragung musikalischen Denkens in Malerei angestrebt ist.

Dur- und Moll-Tonarten finden in den Farben ihre Entsprechungen, Rhythmen in der Struktur der Zeichnung. Dies auch in der Druckgrafik zu erproben, wo dasselbe Motiv in unterschiedlichen Farben dargestellt werden kann, hat den Künstler schon vielfach gereizt.

Im Gruppenbild erweitert sich das Motiv, indem das Musizieren als ein vielschichtiges geistiges und körperliches Miteinander zu einem spannenden Ganzen verwoben wird, das bei genauer Betrachtung auch unterschwellige Gefühlsebenen im Zu- und Gegeneinander von Figuren und deren Komposition erfasst.

Landschaft

Neben das Porträt tritt schon früh die Landschaftsdarstellung. Wie das gesamte Frühwerk sind auch die ersten Landschaftsbilder noch stark vom deutschen Expressionismus geprägt, aus komplementären Kontrasten gebildet und auf große weiche Formen  reduziert.

Später - vielleicht unter dem Einfluss der Werke von Max Beckmann oder Kirchner mit ihren kantigen und konturierten Formen und aus dem eigenen Umgang mit dem Holzschnitt angeregt - werden die Formen spitziger, abgegrenzter. Die Farbe entwickelt sich innerhalb der dunklen Konturierung, während sich die Formen in oft starker Bewegung überlagern. Bald finden sich in den Landschaften widerstreitende Strukturen und aufeinander treffende Gewalten,  dann wieder sind sie klar und ruhig komponiert, sanft und ruhig lagernd, ein Ort der Stille.

Zwar handelt es sich immer um gesehene Landschaften, doch nicht als bloße Topografie des Sichtbaren sondern zugleich als eine Topografie der Seelenlandschaft des Künstlers.

Selbstbildnisse

Selbstbildnisse im Werk Wolfgang Spittlers sind nie repräsentativ, gelegentlich sehen wir ihn mit dem Werkzeug des Künstlers, manchmal maskiert in einer Rolle oder verborgen in einem Motiv, etwa als plastischer Kopf in einem nächtlichen Stillleben zwischen Dornen. In „Selbst im Raum“ 2002-04 scheint der Künstler eingesperrt zwischen Fenstern, die keinen Ausblick geben. Nur der Spiegel wirft ihm ein Bild entgegen, sein eigenes. Wie ein Handwerker gekleidet und den Pinsel in der Hand ist er Bild und Spiegelbild zugleich. 202 sehen wir ihn als Rufer, dessen Augen durch einen Hut verschattet und eine Brille verdeckt wie blind erscheinen. Der Künstler als blinder Seher, allerdings in der lichten Palette, die sein Werk in dieser Zeit prägt. Eine skeptisch fragende Sicht auf die eigene Person dominiert solche Darstellungen. Sie sind eher Selbstbefragungen als Selbstdarstellungen. Und sie geben die Fragen an den Betrachter weiter.



Triptychen

Ende der 80erjahre wird Wolfgang Spittler aus dem Lehrerberuf ausscheiden und sich nunmehr ganz als freier Künstler betätigen können. „Abschiede“ heißt denn auch ein 1989 entstandenes Werk, das seine Lehrerkollegen und –kolleginnen zeigt. Die späten Achtzigerjahre sind eine Zeit, in der gesellschaftlich, aber vielleicht auch privat Aufbruch und Scheitern nah beieinander liegen. In dieser krisenhaften Phase greift Wolfgang Spittler auf eine alte Bildform zurück, das Triptychon. Ursprünglich als dreiteiliges Altarbild  gedacht, ist das Triptychon ein bildnerischer Sonderfall. „Künstler (haben) auf dieses Bildformat zurückgegriffen, wenn es um große politische oder private Erschütterungen geht, um Ausnahmezustände, um existentielle Grenzsituationen.“ (Art, 23 / 01 / 2009). Die großen Triptychen von Otto Dix oder Max Beckmann stehen exemplarisch dafür. 

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Stillleben vor nächtlichem Fenster (1992)

Diese Gruppe der großformatigen Triptychen bringt eine Erweiterung der Bildsprache und des inhaltlichen Anspruchs hervor, indem teils verrätselt, teils offenbarend komplexe Inhalte mit bedeutsamen Metaphern zum Ausdruck gebracht werden. Da ist der „Abschied“ vom Kollegium als Mitteltafel, wo es viele Handgesten gibt aber keine Berührung. Rudimente des Berufslebens liegen zum Teil auf der Erde, etwa ein Druck des Guernicabildes von Picasso, ein Schuldeckfarbenkasten, eine Druckpresse steht abseits. Es ist, als zweifle der Verabschiedete daran, dass seine Stafette von den anderen aufgenommen wird. Im Arm trägt er zwei Stockpuppen. Auch das von ihm initiierte Puppenspiel wird es nun an der Schule wohl nicht mehr geben. Während die linke Tafel  eine erotische Paarszene zeigt, queren sich rechts ein Stürzender und eine schwarze Figur, die den Bildraum verlässt. Türrahmen sind da wie Durchgänge ins Leben und aus dem Leben heraus. Über diesem Bild liegt Melancholie. 

Das Strandtriptychon von 1985 ist wie ein Vorbote dieser Stimmung. In der Mitte der Künstler im Strandhaus verborgen, während um ihn das Leben stattfindet. Links eine erotische Szene mit einem Ball spielenden Paar, rechts ein Kopfstehender, der auch ein Gestürzter, ein Marsyas sein könnte. Die fröhliche Szene hat auch aufgrund der düsteren Farbigkeit einen dunklen Untergrund und kann auf unterschiedliche Weise gelesen werden.

Mit „Einblick, Durchblick, Ausblick“ hat der Künstler 1985 die persönliche Weltsicht erstmals sichtlich mit dem Politischen verknüpft. Im Zentrum steht eine Gewaltszene, in der Jugendliche, die halb Punks, halb paramilitärisch geradezu mit Lust auf einem bereits am Boden Liegenden herumtreten. Es ist ein Bild brachialer Zerstörung und Unordnung. Der Künstler, in der Tafel links, malt frierend im Mantel, wendet sich ab. Welcher Einblick leitet ihn? Rechts haben wir eine Rückenfigur in Arbeitskleidung oder Wetterkleidung - eine Frau  - von unten gesehen. Trotzt sie der Welt, während der Künstler doch bei sich bleibt.

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Einblick - Durchblick - Ausblick (1985)

1989 – da greift die Weltgeschichte fast direkt in das Strandleben ein. Ungewissheit, Hoffnung, Katastrophenfurcht. Der Wächter mit roter Fahne bläst zu was auch immer, während in der Mitte der Strand - durch Medienberichte verdüstert - zum Drachenkampf auf der rechten Seite führt. Diese historische Zäsur hat der Künstler zweifelnd kommentiert. Kein brausendes Deutschlandlied kommt auf, eher ein skeptisches Fragen, was nun kommen wird.


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